Predigt am 12. Sonntag Lesejahr B
Mk 4, 35-41/Ijob 38, 1.8-11/2 Kor 5, 14-17
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus pennt – dieses Graffiti las ich immer wieder wochenlang, monatelang beim Vorbeifahren auf dem Weg zur Arbeit während meiner Freiburger Zeit als Jugendpfarrer – Jesus pennt. Gesprüht an die kahle Betonwand eines Hauses. Jesus pennt, ein aktueller Kommentar zum heutigen Evangelium, geschrieben mit einem – in der Regel illegalen – Kommunikationsmittel unserer Zeit: alle, die vorbeifahren sollten es lesen, jeden Tag – das kriegt man kaum mehr weg: Jesus pennt.
Man muss es nicht nachspielen – wie im Kindergottesdienst oder im Bibliodrama. Auch in uns, wenn wir dieses Evangelium hören, wächst ein Mitgefühl, eine tiefe Solidarität mit den Jüngern im Boot. Wie kann er schlafen angesichts dieser lebensbedrohlichen Situation.
Das ist wirklich nicht lustig wie im Vergnügungspark. Auf der Achterbahn oder Wildwasserbahn auf der Frühjahrsmesse oder im Europapark.
Es ist ernst. Todernst. Gute, erfahrene Fischer kennen sich aus. Sie sind keine Angsthasen. Sie wissen wie man ein Boot sicher über den See bringt. Aber gegen diese heftigen Wirbelstürme, die Fallwinde, die vom Hermon -Gebirge auf den 3000 Meter tiefer liegenden See Genezareth herabstürzen und den See aufwühlen. Das haut jeden erfahrenen Seemann um. Der Sturm ist stärker, die Angst ums Überleben berechtigt – Todesangst. Da gibt es nichts mehr zu manövrieren – dagegen kommt man nicht an. Ende Gelände. Der Vorwurf ist berechtigt. Wie kann dieser Jesus pennen mitten im Sturm.
Man muss nicht weit ausholen um aktuelle Beispiele zu finden. Mit diesem Evangelium kommt auch die Trauer um den Tod von Pfarrer Robert Ballweg wieder ins Spiel – Wie konnte Gott das zulassen? Hat er, hat Jesus gepennt am Samstag vor Pfingsten?
Der Absturz des französischen Flugzeugs auf dem Weg von Brasilien nach Paris mit 228 Toten. Hat Jesus gepennt am Dienstag nach Pfingsten?
So viele müssen sterben, andere wollen sterben und können nicht. Und viele verzweifeln am Leben, manche so sehr, dass sie sich das Leben nehmen.
Tag für Tag hören wir von Unglück, Katastrophen, Unfällen aus der ganzen Welt. Die mediale Vernetzung macht es möglich, dass wir weltweit jedes Unglück Tag für Tag ins Wohnzimmer oder im Computer via Internet auf den Schreibtisch serviert bekommen. Auch das macht die Frage nach dem Leid - die so genannte Theodizee Frage, die Frage wie Gott das Leiden zulassen kann zur Frage Nr. 1 im Glauben. Pennt Jesus einfach nur?
Stürme der Zeit, Stürme des Lebens, Fallwinde, die herabfallen in unser Leben, uns aufwühlen, hinunterziehen, Krisen, Sorgen, Ängste aus heiterem Himmel.
Liebe Schwestern und Brüder, ein breiter Graben tut sich auf. Zu diesem Gott, der uns doch nahe sein will. Der unser Retter ist. Der uns sein Heil schenkt.
Der Evangelist Markus kannte diese Fragen. Aus eigener Erfahrung. In seiner Gemeinde.
Markus erzählt uns im heutigen Evangelium zwei Geschichten. Zum einen ist es das Wunder das Jesus wirkt. Ein Naturwunder, wenn er zu dem Sturm und dem tobenden See energisch spricht: Schweig, sei still! Und er sich so zeigt als der Herr, der Macht hat über Dämonen und Naturgewalten. Dabei geht es darum wer Jesus ist. Gottes Sohn. Wort Gottes. Schöpfer der Welt. So wie Gott zu Job in der ersten Lesung spricht, als der Schöpfer, der alles in seinen Händen hält. In der größten Krise mahnt Gott Job doch auf die Schöpfung zu schauen. Fast wie in einer Karikatur. Da wird der Sturm zum Baby. Der Dunst zur Windel. Der Schöpfer weiß wo es lang geht: Bis hierher und nicht weiter. Und ganz in dieser Linie argumentiert Paulus. Jesus ist der neue Maßstab und wer in Jesus ist, eine neue Schöpfung. Das soll die Gemeinde erkennen. Es gibt keine ausweglose Situation. Gottes Weisheit steht hinter allem. Gott ist der Schöpfer. Auch wenn es aus menschlicher Sicht keine Lösung gibt, an ihm kannst Du Dich halten.
Neben der Naturwundergeschichte ist die Erzählung von der Stillung des Seesturms aber vor allem eine Vertrauensschule, eine Geschichte, in der wir das unbändige Vertrauen lernen sollen. Jesus schläft. Er selbst wird zuallererst zum eindrücklichen Vorbild dass er in Gott ruht. Nichts kann ihn erschüttern. Er ist eins mit dem Vater. Er kann ihm Vertrauen, auch wenn die Stürme toben. Wie der Psalm sagt: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ (Ps 127) oder „der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“ (Ps 121).
Der schlafende Jesus ist die Anfrage an die Gemeinde und uns ganz persönlich: wie groß ist euer Vertrauen? Was geschieht in eurer Angst, in den Stürmen eures Lebens. Geht ihr zugrunde oder geht ihr zum Gunde. Dort wo die Angst mächtig wird, gilt es, die Barke unseres Lebens tiefer zu verankern und auf den Punkt vertrauen, an dem unterhalb der aufgewühlten See, abgründiger noch als der Abgrund, ein fester Boden uns Halt gibt. Jenseits der Angst den Ort zu erreichen an dem der Sturm sich beruhigt: Dieser Ort ist Gott.
Der Schlaf Jesu ist wie ein Bild für die eingeschlafene Beziehung. Es ergeht an uns der Appell: Weck diesen Jesus auf. Tue etwas. Bleib nicht liegen in deiner Ohnmacht.
Liebe Schwestern und Brüder, Vertrauen muss man lernen. Das kann uns niemand vorschreiben, befehlen. Kleine Kinder kommen mit einem unbändigen Grundvertrauen auf die Welt. Im Laufe des Lebens verlieren wir dieses Vertrauen, weil wir enttäuscht wurden, unser Vertrauen missbraucht, Dieses Vertrauen gilt es als Erwachsene wieder einzuüben. Eine zweite Kindheit zu erlangen. Jede Schwierigkeit, auch der größte Sturm, letztlich der Tod, der uns allen und allem entreißt sind Herausforderungen des Glaubens, in die Schule des Vertrauens zu gehen, Vertrauen einzuüben. Jesus zu wecken. Das ganze Leben ist eine Vertrauensschule, ein Leben lang Vertrauen einüben. Wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht mit der Kirche, der Gemeinde, in einer Beziehung, durch eine schwere Krankheit – da ist es notwendig und damit Not - wendend Jesus zu wecken – seine verborgene Gegenwart wahrzunehmen – die eingeschlafene Beziehung wieder wachzurütteln im Chaos der Gefühle.
Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zu Grunde gehen.
Im Stoßgebet – im Schreien, im Festhalten an seinem Wort, in der Gemeinde, im offenen Gespräch, im Sakrament: Gott ist gegenwärtig. Ich bin der Ich bin doch da – heißt er – das ist sein Name und sein Wesen.
Für die Gemeinde St. Hedwig ist der Tod ihres Pfarrers eine große Herausforderung. Eine sehr schwierige Aufgabe in der Schule des Vertrauens. Im Mühen darum, Jesus zu wecken. Im Glauben begreifen zu lernen, was der Tod ihres Pfarrers bedeuten kann.
Jesus pennt – ich weiß nicht ob diese Graffity noch existiert. Ich habe mich damals nicht getraut, aber am liebsten hätte ich an die Wand gesprüht: Jesus pennt – NA UND – DANN WECK IHN ENDLICH AUF!!
Amen.
Dekan Hubert Streckert, 21. Juni 2009, St. Hedwig
Festgottesdienst zum Tag der Begegnung