Liebe Schwestern und Brüder,
am 30. Mai ist Pfarrer Robert Ballweg gestorben. Für die Gemeinde St. Hedwig und Bruder Klaus war es ein Schock; völlig unerwartet mussten Sie Abschied nehmen von Ihrem Pfarrer. Ein Prozess der Trauer begann.
Schwierige Zeiten kamen auf die Gemeinde zu. Nicht nur die Trauer über den großen Verlust, sondern auch vieles, was neu zu regeln war. An allen Enden war spürbar, der Pfarrer fehlt. Ich möchte diese Predigt deshalb heute auch noch einmal zum Anlass nehmen, danke zu sagen für die vielen, die sich engagiert haben, diese Krise gemeinsam zu bewältigen. Es war, so kann ich es aus meiner Wahrnehmung als Dekan durchaus heute sagen, ein gutes und glaubwürdiges Zeugnis von Gemeinde Jesu Christi.
Einer, der auch gleich von Anfang immer dabei war, schon beim ersten Trauergottesdienst am Todestag von Pfarrer Ballweg irgendwo dahinten saß, ist Pfarrer Erwin Schmidt. Er war schnell bereit, die priesterliche Verantwortung in Vertretung für die Gemeinde zu übernehmen; ich erinnere mich an einen herzlichen Empfang beim ausgefallenen Gemeindefest nach dem Gottesdienst am 21. Juni. Heute, fast auf den Tag genau fünf Monate nach dem Tod von Pfr. Ballweg, darf ich Pfarrer Erwin Schmidt hier als neuen Pfarrer für die Seelsorgeinheit im Auftrag des Erzbischofs investieren.
Pfarrer Schmidt ist damit der erste in unserem Dekanat, der Leiter von zwei Seelsorgeeinheiten ist. Er wird unterstützt von einem Seelsorgeteam zu dem Sebastian Kijas und Jenny Altmann gehören; die Sekretärinnen Frau Oebel und Frau Schwarztrauber, außerdem ist Bernhard Stahlberger als Kooperator seit einigen Wochen in den beiden Seelsorgeeinheiten St. Hedwig und St. Bernhard-St. Martin tätig. Und mit ihnen viele engagierte Ehrenamtliche.
Auch hier heute wird deutlich und ich muss es bei der Investitur ihres neuen Pfarrers sagen – es wird sicherlich nicht mehr so sein wie es war. Die Weiterentwicklung der Seelsorgeeinheiten in der Erzdiözese ist ein Thema das viele beschäftigt. Derzeit liegt ein Anhörungsentwurf auf dem Tisch, wie die Seelsorgeeinheiten geografisch neu umschrieben werden sollen. Ein Vorschlag, den der Erzbischof und seine Mitarbeiter im Ordinariat erstellt haben. Viele sind irritiert, ja ärgerlich, fühlen sich nicht für ernst genommen. Die Tatsache, dass nach den vorliegenden Plänen, das, was wir hier heute quasi schon einfädeln, dass aus St. Hedwig, Bruder Klaus, St. Martin Rintheim, St. Bernhard in der Oststadt eine neue Seelsorgeeinheit, eine Kirchengemeinde ab 2015 werden soll, könnte möglicherweise gar keine Zukunft haben. Denn es ist an eine ganz andere Zusammensetzung nämlich St. Hedwig mit Stutensee gedacht und St. Bernhard soll eine neue Seelsorgeeinheit mit St. Stephan und ULF werden. Das hat für viel Unruhe und Missstimmung gesorgt.
Lieber Schwestern und Brüder, es geht wirklich um einen Anhörungsentwurf. Der Bischof bittet uns um unsere Meinung. Hier wird noch nichts festgeschrieben und die nächsten Wochen werden wir zusammensitzen und hier als die Experten vor Ort eine tragfähige Lösung überlegen. Ich bin mir sicher und möchte auch als Dekan dafür einstehen, dass wir hier mit der Investitur von Pfarrer Erwin Schmidt kein kurzes Zwischenspiel aufführen. Sondern dass wir in unserem Dekanat miteinander nach einer guten Lösung suchen wie Kirche hier lebendig bleibt. Natürlich werden wir dabei nicht darum herum kommen aus derzeit 18 in Zukunft nur noch 12 Seelsorgeeinheiten zu machen. Die allerdings dann wirklich mindestens bis 2030 so bestehen bleiben können – die Zahl der Priester zwingt den Bischof dazu.
Liebe Schwestern und Brüder, die Frage wie geht es weiter, beschäftigt uns derzeit heftig in der Kirche. Wie geht es weiter? Wir können diese Frage nicht beantworten mit Strukturdiskussionen, Anhörungsentwürfen, Konzepten. Auch die Investitur eines neuen Pfarrers ist darauf keine alles klärende Antwort. So wie Pfarrer Ballweg hier gelebt und gewirkt hat, wird es Pfarrer Schmidt nicht mehr können - auch wenn er noch mehr arbeitet und noch mehr Gottesdienste hält und noch mehr Sitzungen absolviert.
Wie geht es weiter mit der Kirche? Mit den Gemeinden. Wir finden Antworten auf diese Frage wenn wir auf diesen heutigen Tag schauen. Heute begehen unsere evangelischen Schwestern und Brüder den Reformationstag. Auch wenn er zunächst an eine Kirchenspaltung denken lässt. Dass die Kirche sich immer wieder reformieren muss, erneuern, verändern, umgestalten, ist ein altes, katholisches Prinzip – eccclesi semper reformanda. Aber es ist nicht nur Reformationstag - wir feiern diese Investitur mit der Vorabendmesse an Allerheiligen.
Auf die Frage, wie geht es weiter, gibt uns das Allerheiligenfest eine gute, klärende Antwort. Ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Allerheiligenfestes weist uns schon darauf hin. Die ältesten Zeugnisse eines Gedenktages aller Heiligen finden wir im 4. Jahrhundert in Syrien. Gefeiert wurde dieses Fest am Sonntag nach Pfingsten, der heute noch in den orthodoxen Kirchen "Sonntag der Heiligen" genannt wird. Allerheiligen, die Botschaft des heutigen Festes, bringt von seiner Entstehungsgeschichte her Ostern und Pfingsten zusammen: Gott hat mit der Macht seiner Liebe den Tod bezwungen; Gott hat den Heiligen Geist gesandt – er bleibt auch nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt in dieser Welt. Gottes Geist wirkt, brennt, säuselt, begeistert, tröstet…..
Es gibt keine unüberwindbaren Grenzen mehr zwischen der irdischen und der himmlischen Welt. Im Glauben steht uns der Blick offen auf die Gemeinschaft derer, die bei Gott zur ewigen Freude versammelt sind. Heilige verschaffen Durch-Blick. Es sind Menschen, die am Ziel sind. Heilige sind wie Fenster zum Himmel. Aber auch Fenster Gottes in die Welt. In ihrem Leben erkennen wir, dass es keine fromme Märchen sind, die da erzählt werden, dass Jesus Christus durch all die Jahrhunderte faszinierend sein kann, sein Leben letztlich der Schlüssel zu gelingendem Leben sein kann. Dass so die Kirche entsteht, lebendig bleibt, mit den Menschen, die dem Ruf zur Heiligkeit folgen.
Während wir das ganze Jahr hindurch, jeden Tag, ein zwei Heilige in den Blick nehmen – die heilige Hedwig, Bruder Klaus von der Flue, an unserem Namenstag unseren Namenspatron… feiern wir am Allerheiligenfest eine gewisse Allgemeinheit der Heiligen, alle Heiligen, vor allem auch diejenigen, für die kein fester Tag im Jahr reserviert ist; Menschen – wie du und ich - die offiziell niemals heilig gesprochen werden. An Allerheiligen verallgemeinern wir die Berufung zur Heiligkeit. Alle sind gemeint. Wir nehmen das Ziel in den Blick, unser aller Ziel, die Heiligkeit, das neue österliche Leben in Gott.
Wie geht es weiter mit der Kirche?
Wenn wir uns an diesem Ziel orientieren. Allerheiligen – alle heiligen – alle sind berufen zur Heiligkeit. Wenn uns heute hier bei der Investitur des neuen Pfarrers klar wird – da wird kein heiliger, weltfremder Mensch auf einen Thron gesetzt, da wird kein besonders frommer, geweihter Mann in ein Amt eingeführt, damit er es für alle richten wird. Das Fest Allerheiligen, an dem Erwin Schmidt als neuer Pfarrer in St. Hedwig und Bruder Klaus investiert wird, macht eindringlich deutlich, was seine eigentliche Aufgabe ist: Euch und ihnen zu sagen, sie alle zu ermutigen, zu stärken, lebendiges und glaubwürdiges Beispiel zu sein: Wir sind die Heiligen – hier und heute.
Wir sind unterwegs auf das große Ziel – Gottes neuer Welt. Unserer Aufgabe ist es, hier miteinander dafür Zeuginnen und Zeugen zu sein. Die neue Wirklichkeit Gottes verändert hier und heute schon das Leben, die Welt wird neu gestaltet – auch durch uns. Ihr seid die Heiligen von der Waldstadt und von Hagsfeld. Diese Anrede, die in den ersten Jahren normal war für die Christen in der Urgemeinde, gilt es wieder zu beleben – nicht als Titel, sondern als Ziel und Wegweisung – wofür sind wir da, das ist unsere Aufgabe? So geht es weiter mit der Kirche. Nomen est omen. Der Name ist auch die Bedeutung. Ihr seid die Heiligen
Die vergangenen Monate waren für mich auch immer wieder geprägt von Kontakten mit und in ihre Gemeinde. Und ich bin dankbar, dass sich viele hier dafür einsetzen. Auch wenn keiner sagt, ich engagiere mich, weil ich hier ein Heiliger bin. Das klingt vermessen, überheblich – ja scheinheilig. Wir sagen es anders – ich engagiere mich ehrenamtlich – im PGR, ich singe im Chor, ich bin Gruppenleiter, ich ministriere, ich organisiere ein Fest….. Heute sagen wir es anders: Ihr seid – wir sind - die Heiligen. Davon lebt die Kirche.
Wie geht es weiter?
Das Evangelium vom Allerheiligenfest – die Seligpreisungen werden manchmal als Testament Jesu als Charta des Gottesvolkes, das Grundsatzprogramm der Kirche bezeichnet. Sie sind dabei nicht als Regeln formuliert, die wir wie eine Gesetzessammlung zu befolgen hätten. Es sind vielmehr einfache Aussagen –Feststellungen - Verheißungen.
Selig - Menschen, die arm sind vor Gott, das heißt die spüren, dass ihnen immer etwas fehlt, solange sie auf Erden leben, unterwegs sind: Gottesbedürftige, Sehnsüchtige.
Selig die Trauernden. Menschen, die Trauer zulassen können und sie nicht durch alle möglichen Ablenkungen verdrängen.
"Selig, die ein reines Herz haben", "Selig, die Frieden stiften". In diesen Sätzen wird ausgesagt, wie ein Mensch lebt, wenn er die Botschaft des Gottes Jesu Christi angenommen hat. Wie der Ruf zur Heiligkeit konkret wird. Ein solcher Mensch greift nicht mehr auf Macht, Krieg und Vernichtung zurück, denn er hat es nicht mehr nötig, sich selbst gegen andere zu behaupten: "Selig, die keine Gewalt anwenden." Ein solcher Mensch gibt sich mit keinem falschen Trost mehr zufrieden, denn er weiß, dass die Welt ihm seine Sehnsucht niemals endgültig erfüllen kann: Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Menschen, die sich nicht beugen vor falschen irdischen Göttern, die allein auf die Macht der Liebe des Gottes Jesu Christi vertrauen.
Liebe Schwestern und Brüder, fünf Monate nach dem Tod ihres ehemaligen Pfarrers, feiern wir die Amtseinführung ihres neuen Pfarrers. In einer Zeit in der die Kirche vor großen Herausforderungen steht, die Seelsorgeinheiten und Kirchengemeinden noch größer werden. Es gibt keinen Pfarrer mehr für eine Gemeinde allein. Der Abend des Reformationstages, die Vorabendmesse von Allerheiligen geben uns die wichtigen Impulse. Kirche muss sich immer verändern, Kirche lebt von der Heiligkeit. Gott setzt das große Ziel. Die Gemeinschaft mit ihm und miteinander. Auf dieses Ziel hin sind wir unterwegs. Die Seligpreisungen mit ihrer provozierenden Botschaft sind die Wegweisung.
Vielleicht ist es aus heutiger Sicht ganz gut, dass das Allerheiligenfest irgendwann einmal im Laufe der Jahrhunderte auf den 1. November verlegt worden ist. Dies war in den heidnischen Kulturen des frühen Mittelalters der traditionelle Beginn des Winters. An diesem Tag versuchten die Völker die bösen Geister der Dunkelheit und des Todes mit Lärm, Geschrei und Beschwörung zu vertreiben. Die Bräuche des "Halloween" sind ein Überrest dieser heidnischen Geisterbeschwörungen. Die christliche Kirche stellte nun diesem Treiben ihre "guten Geister" entgegen: die Heiligen. Aber auch heute für unseren Anlass, die Investitur von Pfarrer Schmidt, ist es gut.
Aus seiner geschichtlichen Entwicklung können wir sagen, das Allerheiligenfest ist eine Art Nachklang der Osterzeit und von Pfingsten geworden - mitten hinein in den Beginn des Winters. Wenn es dunkel wird, wenn uns die Schwermut überfällt, Einsamkeit und Angst sich breit machen – wenn die grauen Nebel wallen. Am Beginn steht das Allerheiligenfest. Wir halten dagegen unseren Glauben an das neue Leben, dass Gottes Geist in uns lebendig ist – wir sind die Heiligen. Wir müssen nicht traurig überwintern – nicht persönlich, aber auch nicht als Kirche. Wir leben von der Hoffnung auf die Liebe Gottes, die alles Dunkel, ja den Tod überwindet.
Liebe Schwestern und Brüder, wenn die grauen Nebel wallen, muss man das Wort Nebel im Spiegel der Heiligkeit lesen. Einfach umdrehen. Rückwärts lesen – im Spiegel der Heiligkeit - dann wird aus Nebel Leben.
Heilige sind dafür da. Heilige schaffen das. Wir sind dafür da. Wir schaffen das. Weil Gott in uns wirkt – weil er der Heilige ist.
Amen
Dekan Hubert Streckert, 31. Oktober 2009, St. Hedwig