Predigt beim Requiem für Pfarrer Robert Ballweg in Wertheim-Dörlesberg am 08.06.09 (1 Joh 4, 7-16 Joh 17, 6a.11b-19)
Liebe Familien Ballweg und Beuchert, liebe Angehörige, Freunde und Bekannte von Robert Ballweg, liebe Mitbrüder, Schwestern und Brüder,
die beiden biblischen Texte für das Requiem und die Beerdigung von Pfarrer Robert Ballweg liegen auf der Hand. Es sind Texte, die eng mit unserem Verstorbenen verknüpft sind.
Zum einen haben wir die Lesung aus dem ersten Johannesbrief gehört. Der Text dreht sich um den Primizspruch von Robert Ballweg, der auch ein wichtiges Leitmotiv für sein Leben geworden ist: Gott ist die Liebe.
Gott ist die Liebe. Die vielen, die heute hier sind, die Betroffenheit und Bestürzung so vieler nach seinem Tod machen deutlich, dass diese Liebe Gottes im Dienst und im Leben von Pfarrer Robert Ballweg spürbar wurde. Seine offene Art, seine Fähigkeit auf Menschen aller Länder und Nationen zuzugehen, zu feiern, aber auch zu trösten und diese Liebe Gottes mit der eigenen Person zu bezeugen - Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren, die er seine „Goldkäferchen“ genannt hat, aber auch in seiner Familie, unter seinen Freunden. Robert war beliebt, weil Gottes Liebe durch ihn wirkte.
Auf seinem Lieblingsmessgewand, das auch hier auf dem Sarg liegt, ist Weihnachten dargestellt. Die Menschwerdung Gottes – das Fest – das Grunddatum der Liebe – Gott wird Mensch. Und wenn man sich den Josef genau anschaut, dann hat er die Gesichtszüge von Robert Ballweg. Er war ein Zeuge, ja ein lebendiges Beispiel für die Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes. Gott ist die Liebe.
Das Evangelium, das wir gehört haben ist dasselbe über das Pfarrer Robert Ballweg bei seinem letzten Gottesdienst am 7. Ostersonntag in seiner Gemeinde St. Hedwig und Bruder Klaus in Karlsruhe gepredigt hat. Viele kennen diese Predigt. Sie lag als Kopie in der Kirche in der vergangenen Woche aus, sie steht im Internet. Wir haben sie als Text benutzt an seinem Todestag als wir am Samstag vor Pfingsten zusammen kamen und bestürzt, geschockt und sprachlos einen ersten Gottesdienst in St. Hedwig in der Waldstadt gestaltet haben. Um unsere Sprachlosigkeit zu überwinden, haben wir seine Worte vorgelesen. Seine Worte werden zu einem Schlüssel, diese so unerträgliche Situation zu verstehen: Diese Predigt zum Thema Abschied wurde zu seiner Abschiedspredigt für immer. Hören wir hinein in den O-Ton Robert Ballweg, in die Worte, mit denen er sich von uns verabschiedet hat: „Abschiedszeiten sind schwere Zeiten. Und solche Zeiten kann es immer wieder geben. Da verliert jemand plötzlich einen lieben Menschen, im schlimmsten Fall sogar durch den Tod. Das ist hart, vor allem, wenn solche Trennungen unerwartet schnell kommen. Das kann Menschen sehr hart treffen, bis an die Grenze des Erträglichen bringen. Jedesmal entsteht da eine große Lücke, eine Leere, die weh tut und traurig macht. Es ist, wie wenn wir selbst in ein großes Loch fallen würden, und es ist sehr schwer, nach so einem Schicksalsschlag da mal wieder herauszukommen. Wie geht’s weiter? Was macht jetzt überhaupt noch einen Sinn? Wie soll diese Leere jemals überbrückt werden können, damit wir weitergehen können ins Leben?“
Robert hat die Situation der Jünger Jesu - nach seiner Himmelfahrt - auf die menschliche Abschiedssituation generell übertragen; sich in Menschen hineingefühlt, die Abschied nehmen müssen und die Aufgabe und Notwendigkeit von Trauerarbeit aus ihrer Sicht beschrieben. Er hat in seiner klaren, menschlichen, einfühlsamen Sprache und deshalb schätzten viele den Prediger Robert Ballweg - die Situation zwischen Himmelfahrt und Pfingsten gedeutet.
Aber viel mehr ist passiert. Robert hat über sich gesprochen und über uns gesprochen. Er hat unsere Situation bei diesem unbegreiflichen Abschied von ihm gedeutet.
Das Abschiedsgebet Jesu für seine Jünger ist zum Abschiedsgebet von Pfarrer Robert Ballweg für seine Gemeinde geworden, aber auch für seine Familie und für alle, die ihm am Herzen liegen - für die schreckliche Situation nach seinem Abschied. Aus Jesu Worten für seine Jünger, aus dem Evangelium, das Johannes für seine Gemeinde geschrieben hat, sind Roberts Worte für uns geworden: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Heiliger Vater bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir…. jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben….“
Wer spricht da? Jesus? – Robert?
Diese Worte Jesu aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums und seine Deutung haben für alle, die Pfarrer Robert Ballweg kennen, einen neuen Sitz im Leben. Wir erleben wahrhaftig, was Tradition im Johannesevangelium bedeutet. Jesu Worte werden zu Worten seiner Jünger und bleiben lebendig in seiner Gemeinde. Wir leben von diesem Wort, das weitergegeben wird und in dem ER bei uns bleibt. Er ist wer?
Dieses Abschiedsgebet Jesu beziehen wir auf unsere Situation – Robert ist weg – Robert Ballweg ist gestorben – Pfarrer Robert Ballweg kommt nicht zurück von seiner letzten Fahrt. Die Fahrt nach Südtirol ist zu seiner Himmelfahrt geworden – am Samstag vor Pfingsten.
Jesus betet dieses Gebet für seine Jünger, mit denen er drei Jahre unterwegs war. Er hat sie herausgerufen aus den bisherigen Lebenszusammenhängen.
„Komm, gehen wir, komm mit, wir fahren weg“
Unterwegs sein und Beziehungen knüpfen, Kontakte zu Menschen überall auf der Welt, beim Fahren erfahren: sich selbst, die anderen und Gott – das war für Robert Ballweg mehr als ein Hobby. So hat er sich als Priester verstanden. Weggefährte, Reiseführer. Er hat vielen gerade auf diesen Reisen geholfen in Gemeinschaft unterwegs einen Weg zum Glauben zu finden. Das, was wir so oft als Floskel im Glauben sagen – wir sind alle auf dem Weg – war für ihn eine zentrale Grundlage, ein Kernstück für das Verständnis seines priesterlichen Dienstes. Unterwegs und zuhause in Kontakt kommen mit neuen, fremden Menschen, Menschen in Kontakt miteinander bringen. Begegnungsräume schaffen, Beziehungen knüpfen – auf einer Fahrt – einer Wallfahrt oder Besichtigungsreise. Er war stets ein hervorragender Fremdenführer. Robert kannte sich gut aus. Man konnte die Reise getrost in seine Hände legen. Das Wichtigste dabei aber war, dass man anders nach Hause kommt: Mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen, voller Bilder nicht nur auf der Digitalkamera sondern im Herzen und in der Seele, Bilder von Abenteuern, Menschen und Begegnungen, neue Gottesbilder. Auch in der Gemeinde hat sich dadurch vieles verändert. Schon bei der Vorbereitung, lange vor der Abfahrt ging es los, wenn man miteinander italienisch gelernt hat oder sich zum Kochen traf.
Das Leben als Reise, unterwegs sein. Für Pfarrer Ballweg war es ein wichtiger Schlüssel für sein persönliches, aber auch pastorales Selbstverständnis. Leben als Aufbruch, Weg, Entdeckungen in der Fremde, erreichen eines Zieles, anders nach Hause kommen und immer wieder den neuen Aufbruch planen.
Erst dann sind wir wirklich am Ziel und ganz zuhause angekommen, wenn wir bei Gott sind. Der Tod ist die letzte Etappe, die uns zu ihm führt. Ein guter Reiseführer kennt den Weg. Robert ist uns vorausgegangen, auch im Tod, in die neue Welt Gottes, in die wir alle unterwegs sind.
In seiner Predigt am 7. Ostersonntag heißt es am Schluss: „Das Entscheidende ist: In unserem Leben gibt es nach jedem Abschied wieder Neues, Schönes, Lebenswertes. Aber es braucht Geduld, Mut, viel Reden, Suchen und Hinausgehen. Solche Erfahrungen wünsche ich uns allen.“
Es ist an uns, liebe Schwestern und Brüder, diesen Wunsch zu erfüllen. Und dabei geht es um viel mehr als um den frommen Wunsch im Testament eines Verstorbenen. Geduld, Mut, miteinander reden, suchen, hinausgehen, damit Neues, Schönes, Lebenswertes entsteht durch die Trauer hindurch. Einander nahe sein, aufbrechen, sich zuwenden, auch wenn viel Ohnmacht und Traurigkeit uns erfüllt. Eine lebendige Gemeinde, Menschen, die miteinander unterwegs sind, beten, singen, sprechen über Gott und die Welt. Auch ohne ihn oder besser: mit ihm im Herzen und im Himmel. Mit dem Reiseführer, der das Ziel schon kennt, sich auskennt. Das ist sein Wunsch und unsere Hoffnung.
Es ist Pfingsten geworden. Sein Abschiedsgebet betet Jesus vor Pfingsten. Nur deshalb kann er so beten, weil er seine Gegenwart im Heiligen Geist in neuer Wirk-weise zusagen kann. Er wird anders – aber er wird bei ihnen sein – im Heiligen Geist. Das ist der mühevolle, krisenanfällige Prozess der Trauer. Dass ein Weg entsteht, wo einer weg ist; weg ist WEG. Ein Weg in eine neue Verbundenheit, eine andere Beziehung, im Heiligen Geist.
Es ist Pfingsten geworden nach dem Tod von Pfarrer Robert Ballweg. Geben wir dem Geist eine Chance, uns zu trösten, zu beleben, zu bewegen und uns zu verbinden, die Hoffnung zu beflügeln. Es ist Jesu Geist, der Geist, in dem auch der Geist von Pfarrer Robert Ballweg unter uns lebendig und gegenwärtig bleibt. Sein Beistand und Tröster für die Reise bis zum Ziel.
Amen.
Dekan Hubert Streckert, 8. Juni 2009